Fachbereich 3

Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik


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Offenohrigkeit

Hargreavesʻ Bemerkung zur Entwicklung der „Open-Earedness“, nach der die Unbefangenheit, Neugier und Offenheit von Kindern gegenüber ungewöhnlichen oder unbekannten Musikstilen mit dem Alter abnimmt, wurde seit 2001 in einer Reihe von Studien überprüft. Für ihre Untersuchungen mit Grundschulkindern entwickelten Gembris und Schellberg einen klingenden Fragebogen mit 8 Musikbeispielen unterschiedlichen Stils, die im Klassenverband gehört und jeweils auf einer Smiley-Skala im Hinblick auf das Gefallen bewertet wurden (Gembris & Schellberg 2007). 

Offenohrigkeit sollte sich als Zustimmung oder zumindest neutrale Bewertung der für die Kinder ungewöhnlichen Beispiele zeigen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Pop-Beispiele in der Regel am besten beurteilt wurden, während die anderen Stile eine mit den Jahren zunehmende Ablehnung erfuhren, so dass Hargreaves als bestätigt angesehen wurde. Nachfolgestudien nutzten andere Auswertungsmethoden (z. B. Kopiez & Lehmann 2008), oder widmeten sich der Beeinflussbarkeit der nachlassenden Offenohrigkeit durch Klassenmusizieren (Louven 2011), behielten dabei aber Untersuchungsdesign und z.T. auch die Musikbeispiele bei. Dieses Grunddesign ist in den letzten Jahren kontrovers diskutiert worden. Kern der Kritik war, dass im Fragebogen ein reines Präferenzurteil erhoben, daraus aber auf die Offenheit, Toleranz und Neugier gegenüber dem Musikstil geschlossen wird. Maximale Offenohrigkeit zeigt sich nach diesem Ansatz darin, dass eine Versuchsperson möglich viele verschiedene Musikstile positiv bewertet.  

Insbesondere die Betrachtung des Toleranzbegriffs zeigt aber, dass Präferenz und Toleranz gegenüber einem Gegenstand nicht dasselbe sind und sich sogar aussschießen (dies unterscheidet Toleranz und Akzeptanz, vgl. Forst, 2003, S. 32). Toleranz zeigt sich demnach nicht in der positiven Bewertung eines Gegenstands, sondern in der Bereitschaft, sich mit einem Gegenstand auseinander zu setzen, obwohl man ihn eigentlich ablehnt. Daher zeigt sich Offenohrigkeit als musikalisches Toleranzverhalten nicht in breiten Musikpräferenzen, sondern in der Bereitschaft, Musik jeglicher Art selbstbestimmt über einen längeren Zeitraum anzuhören.

Ausgehend von diesen Überlegungen wurde an der Universität Osnabrück mit dem Programm "OpenEar"ein neuer methodischer Ansatz zur Diagnose der Offenohrigkeit entwickelt und der 'Osnabrücker Offenohrigkeits Index' (OOI) als Maß für Offenohrigkeit und musikalisches Tolenanzverhalten eingeführt.  Der OOI ist definiert als Quotient aus der durchschnittlichen freiwilligen Hördauer der negativ bis neutral bewerteten Musikstücke und der durchschnittlichen freiwilligen Hördauer aller Musikstücke. Da die Toleranz gegenüber einem Gegenstand immer auch mit der grundsätzlich negativen Bewertung des Gegenstands einher geht, kann der OOI nur bestimmt werden, wenn mindestens ein Musikstück auch negativ bewertet wird. Ansonsten wird der OOI als nicht definiert ausgegeben. 

Literatur

Louven, Christoph (2010): "Offene Ohren für Klassisches bewahren. Eine Langzeitstudie zu den Auswirkungen des Klassenmusizierens auf den Musikgeschmack" (Neue Musikzeitung 4/2010) Download

Louven, Christoph (2011): Mehrjähriges Klassenmusizieren und seine Auswirkungen auf die "Offenohrigkeit" bei Grundschulkindern. Eine Langzeitstudie (Diskussion Musikpädagogik 50, 2011, S. 48-59) Download

Louven, Christoph & Ritter, Aileen (2011): Hördauer statt Präferenz - Ein computergestützter Untersuchungsansatz zu Hargreaves' "Offenohrigkeit" (Abstract zur DGM-Tagung Osnabrück 2011) Download 

Louven, Christoph & Ritter, Aileen (2012): Hargreaves' "Offenohrigkeit" - Ein neues, softwarebasiertes Forschungsdesign. in: Knigge, Jens [Hrsg.]; Niessen, Anne [Hrsg.]: Musikpädagogisches Handeln. Begriffe, Erscheinungsformen, politische Dimensionen. Essen: Die Blaue Eule 2012, S. 275-299. - (Musikpädagogische Forschung; 33) Download

Louven, C. (2014): ‚Offenohrigkeit‘ – Von der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels bei der Erforschung von musikalischer Toleranz und Neugier. Jahrbuch Musikpsychologie, 24 (Offenohrigkeit - ein Postulat im Fokus), 45-58. 

Louven, Christoph (2016): Hargreaves’ ‘open-earedness’ – A critical discussion and new approach on the concept of musical tolerance and curiosity. Musicae Scientiae.  Access on Journal Page

OpenEar

OpenEar ist eine an der Universität Osnabrück entwickelte Software zur computergestützten Präsentation klingender Fragebögen. Hierbei können die freiwilligen Hördauern und die Präferenzbewertungen für die Stücke erfasst und der Wert des Osnabrücker Offenohrigkeits Index (OOI) für den Nutzers ermittelt werden. Die verwendeten Musikbeispiele können frei gewählt und der Programmablauf durch vielfältige Einstellungsmöglichkeiten flexibel gesteuert werden. Daher kann OpenEar auch als universelles Werkzeug für klingende Fragebögen im Rahmen musikpsychologischer und musikpädagogischer Anwendungen verwendet werden.

OpenEar läuft unter folgenden Systemen: 

  • MacOS 10.10.5 und später (auch MacOS 10.15. 'Catalina');
  • Windows 7 SP 1 oder später (32 und 64 bit);

Seit Version 1.10 ist auf Windows-Systemen die zusätzliche Installation von Apple Quicktime nicht mehr erforderlich! 

Aktuelle Version: 1.11 (31.3.2020)

Änderungen in dieser Version:

  • Ab dieser Version ist OpenEar für macOS eine 64-bit-Anwendung und damit lauffähig auf MacOS 10.10.5 ‚Yosemite‘ oder neuer (auch macOS 10.15.x ‚Catalina‘) 
  • Unterstützung von hochauflösenden 4K- und 5K- Displayauflösungen
  • Behebung eines Fehlers im Datenbankeditor, durch den einzelne Musikbeispiele nicht mehr aus der Datenbank gelöscht werden konnten.  
  • Allgemeine Codeoptimierung

Bitte beachten Sie:

In der Demoversion ist die Audiobibliothek auf 3 Musikbeispiele limitiert. Bei Bedarf kann eine kostenlose Lizenzdatei angefordert werden, mit der Sie die Vollversion des Programms nutzen können.

Hierzu wenden Sie sich bitte an christoph.louven@uni-osnabrueck.de