Fachbereich 3

Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik


Navigation und Suche der Universität Osnabrück


Hauptinhalt

Topinformationen

Trauermusik

Bei der zu Trauer- und Begräbnisfeiern gespielten Musik (Sepulkralmusik) zeigt sich ein auffallender Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen wie persönlichen Bedeutung des Themas und der Zögerlichkeit seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung. Einerseits werden wir im Lauf des Lebens alle mit dem Thema Tod und Sterben und  auch der musikalischen Gestaltung des Abschieds konfrontiert – sei es bei der Trauerfeier für einen verstorbenen Verwandten, sei es in Form von ausführlichen Medienberichten über Bestattungen bekannter Persönlichkeiten wie z.B. die des Entertainers Dirk Bach im Oktober 2012 (bei der 21 Musiktitel den Hauptbestandteil der Trauerfeier bildeten), oder sei es bei der Frage, wie denn die eigene Trauerfeier einmal gestaltet sein soll.

Trotz dieser großen Bedeutung steht die Erforschung der Thematik auch in der Systematischen Musikwissenschaft erst am Anfang. Nach wie vor scheint eine von Heiner Gembris bereits 2007 geäußerte Vermutung Gültigkeit zu besitzen: „Offenbar handelt es sich um ein in der Musikpsychologie bewusst oder unbewusst tabuisiertes Thema.“ Und so stellte Gembris’ Befragung von Studierenden und ihren Angehörigen zu den Wünschen für die musikalische Gestaltung der eigenen Trauerfeier denn auch den bislang einzigen Versuch dar, die Verwendung von Sepulkralmusik empirisch zu erfassen.

Da für die Erfassung der bei einer Trauerfeier verwendeten Musik, ihres Begründungszusammenhangs und ihrer Zielsetzung der Befragung der Trauernden selbst ethische Grenzen gesetzt sind, wurden für die vorliegende Studie die Bestatter als unmittelbar involvierte, aber professionell distanzierte Quelle gewählt.

In einer Kombination aus qualitativem und quantitativem Ansatz wurden zunächst ausführliche, leitfadengestützte Interviews mit sieben Bestattern aus dem Raum Osnabrück/Hannover geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Im zweiten Schritt wurde durch die Bestatter der Verlauf von 44 realen Trauerfeiern mit 112 gespielten Musikstücken mit Hilfe von speziellen Protokollbögen erfasst. Erstmals konnten so auf empirischer Basis Fragen geklärt werden wie z.B.: Welche Musik wird überhaupt gespielt? Gibt es ein Standardrepertoire? Wer sucht die Musik aus und was sind die Begründungen für die Auswahl? Wird seitens der Aussuchenden eine Bestimmte Wirkung/Funktion intendiert und welche Wirkung kann man konkret beobachten? Welche Rolle spielen der Ort der Bestattung und das Alter des Verstorbenen und wirkt sich ein plötzliches Ableben gegenüber einem längerfristig absehbaren Tod aus?

Im Ergebnis zeigt sich eine große Individualität in der musikalischen Gestaltung von Bestattungen. Die Individualität rührt vor allem aus den häufig auftretenden personenbezogenen Auswahlbegründungen seitens der Angehörigen. Dem stehen personenunbezogene Auswahlbegründungen gegenüber, wie das Einsetzen der Musik zu einer bestimmten, intendierten Funktion. Hier zeigen sich Verbindungen zu musikpsychologischen wie trauerpsychologischen Ergebnissen. Vor dem Hintergrund von Studien zum Chill/Thrill-Erleben wird beispielsweise deutlich, dass zum einen gerade die personenbezogene Musik das Potential hat die Trauergäste in hohem Maße auch emotional zu berühren, aber auch personenunbezogene Musik stimmig für die jeweilige Bestattung eingesetzt werden kann und wird. Zum anderen lässt sich aufgrund trauerpsychologischer Ansätze vermuten, dass Sepulkralmusik auch als ein Indikator für den unterschiedlich ablaufenden Trauerprozess sein kann.

Insgesamt kann so die Begrifflichkeit in der Differenzierung zwischen personenunbezogener und personenbezogener Sepulkralmusik erweitert werden und Möglichkeiten für weitere Untersuchungen aufgezeigt werden.